Nachbereitung zu „stop categorizing me“ und „Antifa und Männlichkeit“

Liebe Leute,

hier die Nachbereitung zu den zu den kürzlich stattgefundenen Veranstaltungen „stop categorizing me“ und „Antifa und Männlichkeit“.
Weiterhin findet ihr unter .documents eine PDF-Version.

Was war
Am 03. und 10. Februar fanden im Koz (Studi-Haus Frankfurt) zwei vom Antifa Referat und uns organisierte Veranstaltungen statt: die erste zum Thema Geschlechter- und Queer-Theorien, die zweite zur Frage einer Männlichkeitskritik in der Antifa, die ihr zahlreich besucht habt. Euer reges Interesse gerade an der zweiten Veranstaltung lässt uns hoffen, dass diese erste ‚öffentliche’ Tuchfühlung mit einem Thema, das – wie wir wahrscheinlich alle gemerkt haben – ‚so im Raum steht’ und ehr diffus durch die Szene geistert, ein erster, nicht ein letzter Schritt in diese Richtung gewesen ist, denn: die genaue Analyse dieses Themas steht noch aus. Deshalb wollen wir mit diesem Nachbereitungspapier versuchen, die doch sehr sprunghafte Diskussion zu systematisieren und zentrale Knackpunkte klarer auszuformulieren. Es fasst unsere vorläufigen Diskussionsergebnisse zusammen und wir sind uns im Klaren darüber, das wichtige Punkte und Fragen noch nicht benannt sind. Wir hoffen jedoch so die kurz aufgeflammte Diskussion am Laufen zu halten und würden uns selbstverständlich über Kritik und Ergänzungen freuen (entsprechendes bitte an: campusantifa@yahoo.com)

Banalitäten
Wenn sich eine sich selbst als emanzipatorisch verstehende Szene, die zugleich politische Bewegung sein will, auf eines einigen können sollte, so ist das eine grundsätzlich herrschaftskritische Haltung. Doch so subkulturell abgeschottet von den gesellschaftlich wirkmächtigen Herrschaftsverhältnissen, wie manche das vielleicht gerne hätten, ist sie durch einen solchen Konsens noch nicht. Dies liegt wohl auch daran, dass Subkultur meist nicht mehr heißt als die subjektiv bessere Popkultur(-industrie). Es ist gerade die eigene Verstrickung in die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse, die uns immer wieder in den Sinn kommen und zur Selbstkritik verpflichten sollte. Kurz: Herrschaftskritik heißt Selbstkritik (wobei das ‚Selbst’ hier für a) die Szene als ganze, b) (kultur-)politische Gruppen und c) uns als Individuen steht).

Bestandsaufnahme
In der Veranstaltungsreihe ging es darum, diese Selbstkritik bezüglich eines bestimmten Themenkomplexes bzw. Herrschaftsverhältnisses in Angriff zu nehmen. Diese Themensetzung beruhte auf Wahrnehmungen, die – wie wir in Gesprächen erfuhren – nicht nur die unsrigen waren und sind: zunächst scheint ein als Mackertum bezeichnetes Verhalten omnipräsent – nicht nur bei politischen Aktionen, sondern auch bei Kneipenabenden und auf Partys. Dieses Verhalten wird jedoch oftmals nur deshalb als Mackertum problematisiert, weil der Mackervorwurf ähnlich präsent ist. 1
Bezogen auf die explizit politischen Aktivitäten fällt auf, dass sich bei manchen politischen Gruppen und auf Bündnistreffen ein doch merklich geringerer Frauenanteil findet. Auch der Anteil von Homo- und Transsexuellen ist wohl kaum größer als in anderen gesellschaftlichen Bereichen.
Gleichzeitig lässt sich eine theoretische Leerstelle beim Thema Geschlecht feststellen. Die sich mit dem Geschlechterverhältnis bzw. mit Geschlechtsidentitäten auseinandersetzenden Ansätze werden kaum als Bezugstheorien für die politische Praxis herangezogen, im Gegensatz etwa zur Marxschen Kritik der politischen Ökonomie oder der (älteren) Kritischen Theorie. Das ist auch verständlich: diese letztgenannten Theorien haben eine längere Tradition, mensch bewegt sich auf mehr oder weniger sicherem Boden. Und: Viele der Geschlechtertheorien (insbesondere radikal-konstruktivistische) sind nicht so einfach mit diesen materialistischen Theorien kompatibel (obwohl uns gerade die Kritische Theorie in diese Richtung ausbaufähig scheint und dort ja auch schon einiges an diesbezüglicher Vorarbeit geleistet wurde). Diese theoretische Leerstelle, die wohl noch mehr als die hier angeführten Gründe hat – nicht zuletzt auch außertheoretische – scheint uns ein Grund dafür zu sein, dass manche mit den Geschlechterkategorien und -identitäten zusammenhängende Probleme der sozialen und politischen Praxis nicht als solche erkannt werden.

Unserer Meinung nach gibt es viele Punkte, an denen sich die Kritik der gesellschaftlichen Totalität verbinden lässt bzw. verbunden werden muss mit der Kritik der Geschlechterkategorien und -konstruktionen. Beide basieren auf einem herrschaftskritischen Grundmotiv, das sich ausbauen lässt zu einer Kritik aller (!) Verhältnisse, in denen (soziale) Mechanismen existieren, die die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten unnötig einschränken.
Es geht darum, die Menschen als Individuen zu befreien. Es ist gerade dieser Blick aufs Individuum und damit auf die Subjektkonstitution, der insbesondere der Kritik der politischen Ökonomie fehlt. Umgekehrt lässt der Focus auf das Individuum, Subjektivierungs- und Sozialisationsprozesse in konkreten Interaktionen und über Symbole und Sprache, die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Totalität schwammig werden.
Beide hängen jedoch zutiefst zusammen: Gerade in einer Gesellschaft, in der sich jede_r trotz riesigen materiellen Reichtums um die eigene materielle Reproduktion gegen andere durchsetzen muss, werden die hierarchisierten Geschlechterkonstruktionen als Kampfmittel eingesetzt. Die Hierarchisierung folgt dabei der ungleichen Bewertung von bestimmten Verhaltensweisen: im Kampf aller gegen alle sind manche Verhaltensweisen verwertbarer, nützlicher und damit tendenziell positiv besetzt und – zumindest ist dies als bisher historisch gültig zu betrachten – männlich konnotiert, andere, tendenziell weiblich konnotierte, gelten als unbrauchbar und nehmen gesellschaftliche Randpositionen ein.
Aus diesem Zusammenhang ziehen wird den Schluss, dass das Individuum nicht als solches, sondern nur als gesellschaftliches von Identitätszwängen zu befreien ist, also auch nur, wenn die materielle Reproduktion für alle konkurrenzfrei gesichert ist. 2

Mehr Fragen als Antworten
Nimmt mensch eine Öffnung in Richtung der bestehenden Geschlechtertheorien vor und bezieht sie auf die politische Praxis, ergeben sich jedoch Folgeprobleme und Fragen: wie gehen wir mit dem Wissen um, dass Geschlechterkategorien konstruiert sind? Wir wollen sie überwinden, vielleicht dekonstruieren, Verhaltensweisen nicht mehr danach bewerten, ob sie männlich oder weiblich konnotiert sind. Gleichzeitig sind die Geschlechterkategorien aber auch real, haben sich in unseren Körper, unsere Gesten, unsere Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensweisen eingeschrieben, sind also durchaus wirkmächtig. Indem wir sie aber als gesellschaftlich existent benennen und bekämpfen, reproduzieren wir sie wiederum, schreiben sie diskursiv fort. Wie sinnvoll also ist es, bspw. das Mackertum als männlichen Gestus zu kritisieren? Ist es nicht vielleicht sinnvoller, die Präsentation von Macht und Stärke an sich zu kritisieren?
Auf der anderen Seite sollten wir ein Bewusstsein davon haben, dass der politische Kampf, den wir führen, teilweise in Aktionsformen ausgetragen wird, die Verhaltendispositionen voraussetzen, die tendenziell eher in der männlichen Sozialisation vermittelt werden.
Es sind gleichzeitig diese Aktionsformen, die in der Bewegung als die besten, witzigsten, coolsten gelten – andere Aktionsformen, die ebenso effektiv sein können, erscheinen demgegenüber abgewertet. Über den Ausschlusscharakter dieser Wertung sollten wir uns im Klaren sein und deshalb einmal ernsthaft überlegen, ob es nicht jenseits der ‚Militanz’ nicht ebenso sinnvolle Aktionsformen gibt und zugleich versuchen, die ‚Zugangsbedingungen’ zu jeder Praxisform möglichst weitreichend offen zu halten, auf dass für alle die Möglichkeit besteht, sich in politische Aktionen einzubringen.
Hier fällt jedoch ein unserer Meinung nach wichtiger Punkt auf: die Politikform der gegebenen Gesellschaft ist darauf angelegt, hierarchische Strukturen zu begünstigen. D.h. Dominanzstrukturen innerhalb der eigenen politischen Organisation können durchaus – willentlich oder nicht – über politischen Erfolg gerechtfertigt werden. Damit würde zugleich der tendenzielle Vorteil von männlich Sozialisierten in Kauf genommen.
Etwas zugespitzt formuliert, stellt sich uns damit die Aufgabe, einen Aktions- und Politikmodus zu entwickeln, der es uns ermöglicht, nach Außen effektiv kämpfen zu können, obwohl wir nach Innen so herrschaftsfrei wie möglich miteinander umgehen wollen, und umgekehrt: nach Innen so herrschaftsfrei wie möglich miteinander umgehen zu können, obwohl wir nach Außen effektiv kämpfen wollen. 3
Ein Ansatzpunkt für einen solchen Politikmodus könnte die Überlegung sein, dass es sich lohnt, in den ‚eigenen Reihen’ auf das Ideal der Härte – und das meint nicht nur der körperlichen, sondern auch der argumentativen Härte (das sich nicht zuletzt in polemischen Kriegen unterschiedlichster Gruppierungen untereinander äußert) – zu verzichten (was natürlich nicht jegliche wechselseitige Kritik unterbinden, sondern überhaupt erst ermöglichen soll – zwischen Polemik und ‚solidarische Kritik’ passt meist noch ein LKW), um so im politischen Kampf zusammenstehen zu können.

Zum Schluss
Allgemein scheint es uns in der näheren Zukunft auf drei großen Themenfeldern der Auseinandersetzung zu bedürfen, um Positionen auszuloten und zu schärfen: erstens auf dem Feld der Verknüpfung von materialistischen Theorieansätzen und identitätskritischen Subjekttheorien, zweitens auf dem Feld der Anwendung unserer Kritik der gesellschaftlichen Praxis auf die eigene politische Praxis. Und als drittes wiederum die Überprüfung der eigenen Praxis nach deren gesellschaftlicher Wirkung.

In diesem Sinne,

yours ca

  1. Auch, was genau ‚Mackertum‘ bezeichnet, ist nicht immer klar oder mindestens umstritten und bedarf in aller Sinn einer Klärung; richtet sich die Erklärung doch oftmals nicht auf konkrete Aussagen oder Handlungen, sondern auf Körpersprache oder „das Auftreten insgesamt“. [zurück]
  2. Dass es sich hier um das alte Henne-Ei-Problem handelt, sollte klar sein. Anders gesagt: Die Befreiung von den ökonomischen Zwängen und die Emanzipation des Individuums sind nur zusammen und zugleich zu denken. [zurück]
  3. Diese Innen-Außen-Trennung ist hier als Hilfskonstruktion zu verstehen, die den Punkt verdeutlichen soll, um den es uns geht. Darauf, dass diese Trennung durchaus problematisch ist, haben wir anfangs kurz hingewiesen. [zurück]