Streiken, blockieren, sabotieren – Gegen die (Hoch-)Schule des Kapitals!

Aufruf der campusantifa zur Bildungsstreik-Demo am 17.11.11 (PDF – Version):

Am 17.11.11 wird – wie bereits in den Jahren zuvor – von einem bundesweiten Bündnis zum „Bildungsstreik“ aufgerufen. In Frankfurt wird es unter anderem eine hessenweite Demo geben. Auch wir rufen zur Teilnahme auf.

Schule und Ausbildung
„Ausbeutung durch Herrschaft ist eine Gesellungsform, eine Wirtschaftsweise, die der biophysischen Struktur fremd ist. […] Dies der Kindheit zu vermitteln, die ohne solche Vermittlung die nötigen Verhaltensweisen nicht annehmen, deren Formulierung in Recht, Sitte und Religion nicht kennen lernen würde, ist eine Funktion der Erziehung.“ (1925)

Überfüllte Klassen mit überforderten Lehrer_innen, der Zwang immer mehr Lernstoff in immer kürzerer Zeit zu bewältigen, keine Ausbildungsplätze, niedrige Bezahlung und keine Übernahme nach der Ausbildung sind die augenscheinlichsten Symptome der aktuellen Entwicklungen an den Schulen, Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben. Doch wäre es zu kurz gegriffen, sich nur an diesen abzuarbeiten. Denn da Bildunginstitutionen eben ein unverzichtbarer Bestandteil dieser kapitalistischen Gesellschaft sind, stellen Leistunsterror und Selektion durch Konkurrenz keine Ausrutscher dar und sind auch nicht der bösen Intentionen gemeiner Politiker_innen geschuldet, sondern spiegeln die ureigensten Prinzipien dieser Gesellschaft wieder. Natürlich ist die Benotung von Schüler_innen nach im Endeffekt willkürlichen Richtlinien oder die Gliederung von Schulen in Haupt-, Real-, Sonderschulen und Gymnasien ein reines Selektionsmittel, die das, was sich Bildung nennt, in kapitalistischen Gesellschaften schon immer zu einem Wettkampf machen. In den letzten Jahren wurden Konkurrenz und Leistungsdruck ständig weiter erhöht, zuletzt durch Reformen wie die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre mit G8 oder durch das Zentralabitur. Letztlich führen diese zu einer härteren Selektion, einer schnelleren Abrichtung der Schüler_innen für den Arbeitsmarkt und einer besseren Vorbereitung auf die Leistungsgesellschaft. Parallel hierzu verlieren Schülervertretungen durch Entpolitisierung mehr und mehr an Einfluss auf das Geschehen an den Schulen und die Schüler_innen können sich so schon in jüngsten Jahren an nicht zu hinterfragende Autoritäten, Gehorsam, Herrschafts- und Hierarchieverhältnisse gewöhnen. Diese Punkte machen deutlich, dass in erster Linie wirtschaftliche und ideologische Ziele die Organisation der Institutionen beherrschen, die sich die Bildung auf die Fahnen schreiben. Menschen, die vor Eintritt in die Schule voll Neugier und Tatendrang sind, werden zu unterwürfigen, konkurrenzwilligen und (um besten Falle) -fähigen Arbeitskräften erzogen. Hier sei nicht zuletzt daran erinnert, dass es der Reaktionär Bismarck war, der in Deutschland die Schulpflicht einführte, um den vorzeitigen Verschleiß der Arbeitskräfte zu stoppen. Die Erziehung zur Unmündigkeit war daher schon immer ein Grundprinzip der kapitalistischen Schulen.

Hochschule
„Die Studentenbewegung als kleinbürgerliche Revolte abtun, heißt: sie auf die Selbstüberschätzungen, die sie begleiten, reduzieren; heißt: ihren Ursprung aus dem konkreten Widerspruch zwischen bürgerlicher Ideologie und bürgerlicher Gesellschaft leugnen.“ (1971)

Auch an den Hochschulen verschlimmert sich die Situation stetig. Seit der Einführung von BA/MA besteht das Studieren aus nichts als Auswendiglernen und Reproduzieren von genormten Wissenspaketen. Diese werden den oft im Gang sitzenden Student_innen in überfüllten Seminaren, vorgekaut, abgefragt und benotet. Bei Zeit- und Leistungsdruck bleibt keine Zeit für tiefergehende und kritische Beschäftigung mit Inhalten oder politische Praxis. Solche wird teilweise sogar durch direkte (bis hin zu strafrechtlicher) Sanktion im Keim erstickt.

„Bildung“ durch (Hoch-)Schulen steht nicht außerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, sondern ist ein integraler Teil derselben. Und wenn es das höchste Prinzip dieser Ordnung ist, auf Kosten des Großteils der Bevölkerung und der Natur aus Geld immer mehr Geld zu machen, so kann man sich sicher sein, dass es in den (Hoch-)Schulen nicht darum geht aus reinem Erkenntnisinteresse nützliches Wissen zu erschaffen, um damit ein Fortkommen der Gattung der Menschheit zu gewähren. Vielmehr kommen den Bildungsinstitutionen in dieser Gesellschaft verschiedene – für das Kapital unersetzliche – Funktionen zu. So leistet das Bildungssystem durch frühzeitige Selektion seinen Teil bei der Reproduktion der Klassenverhältnisse. Die Rechtfertigung für diese liefern Abschlüsse aller Art, die mittlerweile nichts mehr zertifizieren als die Anzahl der Jahre, die man sich einer Zwangseinrichtung unterworfen hat. Individuen, die sich ohne größere Widerstände dem vorherrschenden Arbeitszwang und Leistungsterror unterwerfen, fallen nicht einfach vom Himmel, sondern müssen erst in einem längeren Erziehungsprozess herangezüchtet werden. Durch autoritären Unterricht, von Oben doktrinierten Inhalten und der Sanktion darüber hinaus gehenden Engagements sind die Bildungsinstitutionen auch Orte der Vermittlung der herrschenden Lebens- und Produktionsweise und neoliberaler Ideologie.
Wie sich diese Prozesse aber konkret ausgestalten, und ob die herrschende Form der Wissensproduktion nahezu vollständig den Interessen des Kapitals unterworfen ist, oder ob an Bruchstellen wenigstens kleine Freiräume für andere Zwecke entstehen, unterliegt dem historischen Wandel und hängt vor allem von der aktuellen Intensität der sozialen Kämpfe ab. In den letzten Jahren wurde die neoliberale Ideologie, derzufolge die Gesellschaft als Ganze nicht erkennbar sei, sondern alle Bereiche des Lebens durch undurchschaubare Marktmechanismen geregelt werden sollen, die dann für einen optimalen „Output“ sorgen würden, auch auf die Universitäten angewandt. Diese werden daher immer weiter auf die Anforderungen des Marktes zugeschnitten und das Kapital kann einen immer direkteren Einfluss auf die Lehrinhalte nehmen. So ist es an der Goethe-Uni mittlerweile möglich einer Vorlesung von Kai Rannenberg dem Inhaber der T-Mobile Stiftungsprofessur für „Mobile Business“ im „Deutsche Bank Lecture Room“ zu folgen.

Auch die ständig weitere Verschiebung der Machtverhältnisse hin zu den Präsidien und die Entmachtung der anderen an der Universität beteiligten Gruppen steht in demselben Kontext. Während die Studierenden eher als Kund_innen, denn als gleichberechtigte Angehörige der Universität angesehen werden, kommt – den nunmehr als Konzernleitung agierenden – Präsidien die Aufgabe zu die vermeintlichen Sachzwänge des Marktes an den Universitäten in bester Zusammenarbeit mit dem Kapital (in Frankfurt beispielsweise im Stiftungsrat, dessen Vorsitz momentan der ehemalige Sprecher der Deutschen Bank Rolf-E. Breuer innehat) möglichst reibungslos umzusetzen.

Die eingangs erwähnten Symptome sind ein Anzeichen dafür, dass sich diese Entwicklungen auch unmittelbar im Studium niederschlagen. Wenn alles nur noch Wettbewerb ist, sehen sich die Studierenden eben auch verschärften Selektions- und Konkurrenzmechanismen gegenüber. So gibt es für die Mehrheit nur noch ein Schmalspurstudium inklusive einer hohen Dichte an festgeschriebenen Veranstaltungen und exklusive Zeit noch anderen Dingen im Leben nachzugehen. Für das Kapital ist dies enorm günstig, führt sie ihm doch früher verfügbare und billigere Arbeitskräfte im Form von Bachelorn zu. Diejenigen, die sich gegenüber ihren Mitstudierenden durchgesetzt haben, dürfen sich dann über einen der raren Masterplätze mit noch mehr Leistungsterror freuen. Die exklusivsten Plätze gibt es für die selbst ernannten Eliten in Exzellenzclustern.

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

All diese Entwicklungen an den Schulen und Hochschulen sind jedoch kein unabänderliches Naturgesetz, sondern müssen als Niederschlag einer massiven Offensive des Kapitals zur Wiederherstellung seiner Profitabilität verstanden werden. Daher ist es auch möglich sie durch breite Gegenwehr von unten zurückzuschlagen. Dass entschlossener und breiter Widerstand erfolgreich sein kann, bewies beispielsweise die Rücknahme der Studiengebühren in Hessen 2008. Auch der sogenannte Bildungsstreik in den letzten Jahren ist ein Ansatz des Widerstands gegen die ständig übleren Zumutungen im Bildungssystem. Angesichts des Ausmaßes des neoliberalen Umbaus der (Hoch-)schulen in den letzten Jahren wird diese Bewegung aber ohne Erfolg bleiben, wenn sie es nicht schafft, ein gewisses Maß an Radikalität in Theorie und Praxis zu etablieren. Denn es reicht nicht hin eine irgendwie bessere Bildung zu fordern oder sich an alte, abstrakt gesetzte Bildungsideale zu klammern. Vielmehr kommt es darauf an, sich in der Auseinandersetzung die Freiheit zu nehmen, nicht nach realpolitischer Machbarkeit zu fragen. Anstatt also den Zustand der Unfreiheit zu verlängern, ist es vielmehr längst an der Zeit, neben der Verteidigung und dem Ausbau der letzten Residuen einer kritischen Bildung, einen unversöhnlichen Widerstand gegen die Rolle als Manövriermasse des Standorts, von Staat und Kapital, zu organisieren. Aus solchen Prozessen könnten dann kollektive Verweigerung und gemeinsame Kämpfe für unsere unmittelbaren Interessen entstehen, um die Selbsbestimmung über unsere Lebens-, Lern- und Studienbedingungen überhaupt erst wieder auf die Tagesordnung setzen.
In diesem Sinne:

Streiken, blockieren, sabotieren – Gegen die (Hoch-)Schule des Kapitals

Auf zur hessenweiten Bildungsstreikdemo am 17.11. um 14 Uhr am Campus Bockenheim